Kaum ein Satz wird in der Architektur so oft zitiert wie Louis Henry Sullivans „Form follows function“. Und im nächsten Atemzug ignoriert.
Die Form folgt der Funktion. Die äußere Form der Architektur oder des Produktes wird durch die Funktion, den Verwendungszweck bestimmt.
Vorab: Dies ist meine Einschätzung als Lichttechniker, gebildet aus dutzenden Büroprojekten, in denen Architektinnen und Architekten, Bauherren, Installationsbetriebe und Fördermittelgeber allesamt auf das Lichtkonzept Einfluss nehmen. Und genau dort entsteht der Widerspruch, um den es in diesem Artikel geht.
Um es bildlich zu machen: Bei jedem Büroprojekt betreten zwei Kontrahenten den Ring. In der einen Ecke steht die Funktion (der Leuchte) – hart in Normen gegossen, unbestechlich. In der anderen Ecke steht die Form (der Leuchte) – der gestalterische Anspruch der Architektur. Beide berufen sich auf denselben, oben genannten Leitsatz. Nur folgt am Ende meistens nur einer den Regeln.
RING FREI!
Runde 1: Normen sind keine Option
„Die Funktion“ ist bei Bildschirmarbeitsplätzen kein Bauchgefühl, sondern eine feste Größe. Die DIN EN 12464-1:2021-11 schreibt vor, wie viel Lux ein Bildschirmarbeitsplatz mindestens braucht – üblicherweise 500 Lux auf der Arbeitsfläche, dazu Grenzwerte für Blendung (UGR) und Vorgaben zu Farbwiedergabe und Gleichmäßigkeit.
Diese Werte sind nicht verhandelbar. Wird die Norm verfehlt, ist das im Streitfall ein Mangel – unabhängig davon, wie überzeugend das Lichtkonzept auf dem Rendering wirkt.
Gegen diese Unwiderstehlichkeit hat „die Form“ kein Mittel.
Runde 1 geht an „Die Funktion“.
Runde 2: Förderfähigkeit oft vorausgesetzt
Kaum hat „Die Form“ die 1. Runde überstanden, scheppert schon der nächste Volltreffer „der Funktion“ auf sie ein: Die Effizienz. Förderprogramme setzen mittlerweile häufig eine Schwelle von 120 Lumen pro Watt. Wer darunter bleibt, bekommt keine Förderung. Das ist keine Ermessensfrage der Fördermittelstelle, sondern eine harte Grenze.
Somit geht auch die 2. Runde an „Die Funktion“.
Beide Runden zusammen ergeben die eigentliche Funktion einer Büroleuchte: Tauglich zur Normerfüllung und ausreichend effizient für die Förderfähigkeit.
Was macht der geschlagene Gegner in der anderen Ecke?
Und trotzdem sehe ich in der Praxis regelmäßig Entwürfe, die genau daran scheitern. Mikroskopisch kleine Einzellinsen, schmalste Lichtlinien, oder 360° abstrahlende Rohrleuchten – gestalterisch oft überzeugend. Technisch aber an einer von zwei Stellen nicht ausreichend:
- Die Leuchte liefert nicht genug Licht oder hat eine zu geringe Entblendung, um die Norm zu erfüllen. Das liegt oftmals an der Abstrahlcharakteristik, der Bauform oder dem Diffusor
- Die Leuchte ist zu ineffizient, um förderfähig zu sein. Auch hier ist die Bauform oft der limitierende Faktor
Manchmal beides gleichzeitig. Was dann in den Ring steigt, ist eine Form, die sich nicht aus der Funktion ableitet, sondern ihr im Nachhinein möglichst wenig widersprechen soll. Das ist keine Auslegung von „Form follows function“ mehr – das ist der Versuch, den Schiedsrichter zu überreden.
Warum ich das nicht für eine Nebensache halte
Man könnte einwenden: Ist doch Ansichtssache, wie streng man das nimmt. Ich sehe das anders.
Erstens ist es messbar und damit angreifbar. Eine Leuchte, die in ihrer Anwendung die Norm verfehlt, bleibt ein Mangel, auch wenn sie gut aussieht. Ein Projekt, das die Effizienzschwelle nicht erreicht, verliert reale Fördermittel – bei größeren Bauvorhaben schnell ein hoher Betrag.
Zweitens verschiebt es den Konflikt an die teuerste Stelle im Prozess. Wenn zuerst die Form entsteht und die Technik erst danach geprüft wird, taucht das Problem am Ende der Planung oder bei Ausführungsbeginn auf – dort, wo eine Korrektur am meisten kostet. Andere Leuchten, andere Anschlüsse, manchmal andere Deckenausschnitte. Die ursprüngliche Formidee übersteht das selten unverändert.
So erlebte ich es kürzlich in einem Bürogebäude, bei dem die geplanten Pendelleuchten zwar exakt zum Interior-Konzept passten, aber weder die geforderte Beleuchtungsstärke noch die 120 lm/W erreichten. Das Ergebnis: eine Neuplanung mitten in der Ausführungsphase – teurer und aufwendiger, als hätte man von Anfang an mit der Funktion des Raumes geplant statt dagegen.
Wie ich als Lichtplaner in diesem Match stehe
Ich sehe unsere Rolle deshalb nicht als Schiedsrichter, der am Ende nur noch disqualifiziert. Sondern als Trainer beider Ecken – jemand, der Form und Funktion so aufeinander vorbereitet, dass am Ende keiner der beiden technisch k.o. geht.
- Normwerte und die Funktion des Raumes gehören an den Anfang der Planung, nicht an dessen Ende.
- Viele Formideen lassen sich mit heutiger LED- und Optiktechnik durchaus normgerecht und effizient umsetzen – aber nicht mit jeder Leuchte und nicht mit jeder beliebigen Lichtfarbe.
- Manchmal lässt sich eine Leuchtenauswahl schlicht nicht mit 500 Lux und 120 lm/W vereinbaren. Dann sollte das früh und offen kommuniziert werden.
Fazit
„Form follows function“ ist kein falscher Satz. Er wird nur zu oft erst in der zweiten Runde ernst genommen – wenn die Form längst gesetzt ist und die Funktion nur noch nachträglich hineinpassen soll.
Für mich bleibt die eigentliche Frage jedes Büroprojekts (oder allen professionellen Projekten) deshalb nicht: Wie sieht die Leuchte aus? Sondern: Woraus leitet sich ihre Form eigentlich ab – aus der Aufgabe, die sie erfüllen soll, oder aus dem Wunsch, gut auszusehen? Nur wenn diese Frage vor dem ersten Rendering beantwortet ist, steigt am Ende kein Kontrahent angeschlagen aus dem Ring.
Und bei einer Sache bin ich mir sicher: Wir beziehen hunderte Leuchtenhersteller mit tausenden Leuchten. Wer mit uns offen kommuniziert, mit dem finden wir eine gemeinsame Lösung, welche Form und Funktion bestmöglich vereint.
